Brief zum Thema "Naturbelassenheit
unserer Stoffe"
vom 13. November 1998!
von Anita Pavani
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Vielen
Dank für Ihr Schreiben und Ihr Interesse an unserer Arbeit.
Zu Ihrer
Frage, inwieweit unsere Stoffe naturbelassen sind, möchte ich gerne Stellung
nehmen:
Um es gleich vorweg zu nehmen, alle Textilfasern, die maschinell verarbeitet werden, kommen in ihrem Werdegang mit Chemikalien in Berührung: z.B. wird das fasereigene Fett, das Lanolin aus der Wolle herausgewaschen, da es zur Verharzung der Spinnmaschinen führen würde, die Wolle wird alsdann mit Mineralölen wieder eingefettet, damit sie versponnen werden kann. Bei der Baumwolle verwendet man Schlichtemittel, um die Faser verspinnen zu können. Seide und zwar jede wird beim Abhaspeln beschwert, damit man den Faden leichter verarbeiten kann.
Die früher sehr häufige Beschwerung des fertigen Stoffes, um aus einer leichten, billigen Seide eine schwere, teure zu machen, ist heute kaum mehr gebräuchlich, da man auf Viskosefasern ausweichen kann.
Entlaubungsmittel sind nur in den hochtechnisierten Ländern wie USA, GUS, teilweise in Ägypten in Gebrauch, die Baumwolle aus den armen Ländern wie Schwarzafrika, Indien, Südamerika wird noch immer von Hand gepflückt, da "Menschenkraft" in diesen Ländern noch immer billiger ist als teure Maschinen. Würde man diese Menschen gerecht bezahlten, wäre die Baumwolle bald so teuer wie die Seide. Nicht umsonst wurde diese Arbeit von Sklaven gemacht.
Um Entlaubungsgifte nachzuweisen, muß man genau wissen, welches Mittel verwendet wurde, das heißt, daß auch wenn man auf einige bekannte Entlaubungsmittel testet mit negativem Ergebnis, dies noch lange nicht bedeutet, daß keine Entlaubungsmittel drin sind. Dennoch kann man hier die durchaus richtige, aber dennoch irreführende NATURBELASSEN Auszeichnung verwenden: "auf Entlaubungsmittel getestet".
Genauso
ist es mit sog. Rückstandkontrollen, ein beliebter Begriff, der alles besagt
und nichts beinhaltet:
Da wird auf eine oder zwei Chemikalien geprüft,
oder man läßt sich eine entsprechende Garantie von Vorlieferanten geben
und schon kann man dem Etikett "rüchstandskontrolliert" verpassen
und der Verbraucher wiegt sich im seligen Glauben, ein völlig rückstandsfreies
Produkt vor sich zu haben.
Eine wirklich umfassende Untersuchung, die die ca. 350 möglichen Pestizide im Baumwollanbau erfaßt, kostet ca 15 000.--DM!
Man könnte auf Mutagenität untersuchen aber auch hier werden die Gifte nur teilweise entdeckt, z.B. Lindan oder PCP wird nicht angezeigt.
PCP ist ein Schimmelverhütungsmittel, womit die Rohbaumwolle behandelt wird, damit die Ballen lange Schiffahrten nach Europa überstehen und nicht anfangen zu schimmeln. Da Baumwolle eine billige Gebrauchsfaser ist, wird sie nicht mit dem Flugzeug transportiert.
Es ist hier wirklich notwendig, globale Veränderungen
anzustreben, die auch schon teilweise im Gange sind, daß z.B. nicht mehr
prophylaktisch gespritzt wird, sondern erst wenn der Schadensfall eintritt:
Der Schädlingsbefall wird ausgezählt und erst, wenn der zu erwartende
Schaden an der Faser die Kosten des Spritzmittels übertrifft, wird gespritzt.
Man kann von einem armen Land wie z.B. Sudan oder Mali kaum verlangen, daß
es eine Qualitätsminderung seiner Baumwolle riskiert, indem es auf Spritzmittel
völlig verzichtet.
Aufgrund der vielen Pressemeldungen, wird heute viel als Bio-Baumwolle verkauft, was überhaupt keine Bio-Baumwolle ist, so wurde z.B. im Jahr 1995 6 mal mehr Bio-Baumwolle verkauft, als überhaupt angebaut wurde.
Ich denke, wir sollten hier erstmal vor unserer eigenen Haustüre kehren und das immense Arsenal von Textilhilfsmitteln, das in unseren Ausrüstungsfabriken verwendet wird, reduzieren, indem wir auf sehrbunte, pflegeleicht, bügelfrei und filzfrei ausgerüstete Textilien NATURBELASSEN verzichten, hier steckt nämlich das Formaldehyd.
Es ist sehr viel Umdenken notwendig und das geht langsam. All diese Horrormeldungen und Panikmache über Textilchemikalien bewirkten eigentlich nichts anderes, als daß alles weiterhin so kuschelweich, möglichst faltenfrei, perfekt gleichmäßig gefärbt oder schön bunt sein soll, aber bitteschön bio. Und wieviele Hersteller gibt es inzwischen die all dies anbieten und sagen es wäre bio, einfach weil die Leute es so hören wollen. Aber man kann dies nicht bewerkstelligen ohne Egalisiermittel, Lauffaltenverhinderer, Weichmacher, Griffmittel, Fixierer, Beizmittel, Tenside, Komplexbildner,und wie sie alle heißen, die unzähligen Hilfsmittel der Textilausrüster.
Wenn Ihnen an weitestgehender Naturbelassenheit
gelegen ist, sollten Sie wie gesagt, auf chemisch gefärbte oder buntbedruckte
Stoffe verzichten, da alle Chemiefarben aus Rohöl hergestellt werden und
zudem bei der Färbung oder dem Druck weitere bis zu 8 Komplexchemikalien
eingesetzt werden müssen außer den Farbstoffen, damit die Färbung
gleichmäßig wird und auf dem Textil überhaupt hält. Wie Sie
aus unserer Preisliste ersehen konnten, sind die meisten unserer Stoffe ungefärbt,
ein Teil ist pflanzengefärbt und die wenigen chem. gefärbten Stoffe
sind auch als solche gekennzeichnet. Keiner unserer Stoffe ist mit formaldehydhaltigen
Kunstharzen ausgerüstet.
Wir haben ein Programm aus Fox-Fiber, das ist
eine biologisch angebaute Baumwolle, die in den USA aus Wildsorten gezüchtet
wird und schon farbig am Strauch wächst.
Außerdem führen
wir handgewebte Hanfstoffe aus Thailand und handgesponnene und -gewebte Brennesselstoffe
aus Nepal, die niemals mit industrieller Textilfabrikation in Berührung gekommen
sind.
Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu sehr verwirrt und stehe Ihnen für
weitere Fragen gerne zur Verfügung.
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©
Anita Pavani
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