Materialkunde Leinen
Vor
200 Jahren bestand in Europa noch ein F ünftel der Kleidung aus Leinen.
Der Siegeszug der billigen Baumwolle und die Massenware Chemiefaser verdrängten
das Leinen fast völlig vom Markt, was sicher mit seiner Knitterneigung
zusammenhängt. In Italien geriet Leinen nie in Vergessenheit. Die kühle
Faser wurde immer für sommerliche Kleider und Anzüge verwendet,
die mühelos Nonchalance und Eleganz in sich vereinigen. Die typischen
Knitter werden ganz unverkrampft als Merkmal des echten, edlen Leinens betrachtet.
Durch die Jahrhunderte symbolisierte das weiße Linnen Licht und Reinheit.
In vielen Kulturen bestand das Priestergewand daher aus reinem weißen
Leinen.
„Gewebter Wind“ wurde das Leinen bei den Ägyptern genannt,
die schon 2000 Jahre v. Chr. eine hochentwickelte Leinenkultur besaßen.
So wurde als Grabbeigabe von Thutmosis III ein Leinentuch gefunden, das
die unglaubliche Dichte von 60 Fäden pro cm aufwies und eine Lauflänge
von fast 2000m auf 100g, natürlich handgesponnen und handgewebt.
Phönizier, Griechen und Römer nutzten das Leinen: grobe Leinwand
als Segel, transparenten Leinenbatist für Gewänder, Leinenhandtücher
im Badehaus.
Die Gewinnung der Leinenfaser aus den holzigen Flachsstengeln ist eine
langwierige, aufwendige Arbeit. Der strohige Flachs muß erst auf
den Feldern oder im Wasser verrotten, bevor sich die feinen, langen Fasern
herauslösen lassen.
Die naturbelassene Leinenfaser ist graubraun. Je nach Grad der Bleiche
wird sie hellblond bis schneeweiß. Mit zunehmendem Gebrauch wird
Leinen immer weicher und heller, und das anfängliche Knittern verschwindet.
Die glatte, glänzende Oberfläche zieht keinen Schmutz an und
fusselt nicht. Leinen ist besonders haltbar und strapazierfähig,
Halbleinen, meist mit Baumwollkette und Leinenschuß gewebt, ist
preiswerter als reines Leinen und robuster als reine Baumwolle.
Echtes Leinen ist ein sinnliches Erlebnis , dessen lebendige, fast nostalgisch
anmutende Struktur und Optik sein Charakter- und Schönheitsmerkmal
ist. In einer Welt der glatten Synthetik- und Plastikoberflächen
eine Erholung fürs Auge, ein kernig herzhafter Griff, ein Duft nach
Heu und Sommerwiesen.
Leinen ist die angenehmste Faser bei sommerlichen Temperaturen,
da die Faser einen kühlenden Effekt hat. Körperlich aktive Menschen
mit guter Durchblutung und Eigenwärme fühlen sich besonders
wohl in Leinen. |